Autofiktion in Cannes | Ernaux, Hansen-Løve : STANDPUNKT : Artechock

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Autofiktion in Cannes |  Ernaux, Hansen-Løve : STANDPUNKT : Artechock

In einem starken »Quinzaine des Réalisateurs« zeigen Annie Ernaux und Mia Hansen-Løve die fiktionale Kraft des autobiografischen Kinos.

Aus Dunia Bialas

An meinem letzten Abend in Cannes trafen wir uns alle im »Le pantiero«, a Tabak an einer Straßenecke in der Nähe von Marché Forville. Das sind: österreichische und deutsche Filmkritiker, ein Programmierer aus Wien und T., ein Radiojournalist aus Luxemburg, der wie ich zum ersten Mal in Cannes ist. Dass während des Critical.de-Podcasts, den wir seit einigen Tagen täglich aufzeichnen, vergessen wurde, mich nach meinen ersten Erfahrungen in Cannes zu fragen, macht sich erst jetzt in meiner Kritik-Flatrate bemerkbar. Aber wir haben den Artechock-Podcast eingeholt. Ich verfalle in Lobeshymnen auf die Entspannung auf der Croisette und die Leichtigkeit der Ticketbeschaffung, ich spreche von meinem Unbehagen, dass ich nicht zwei Tickets storniert habe – das gibt Gerüchten zufolge Strafpunkte bis einschließlich Akkreditierungssperre. Allerdings kennen die anwesenden Stammgäste niemanden, dem das tatsächlich passiert ist, mit zwei verlorenen Tickets bin ich wohl noch im grünen Bereich.

Ich frage T., wie er Cannes gefunden hat. „Schrecklich stressig“, platzt es aus ihm heraus, all dieser Lärm, all diese Menschen, all diese Emotionen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass ihm der Schurke im Nacken sitzt, ständig seine Witze im Radio zügeln und seine Beiträge auf zwei Minuten und dreißig Sekunden kürzen muss.

Annie Ernaux: Unsentimentale Erinnerungen

Ich habe meinen letzten Abend im Kino für Annie Ernaux und den neuen Cronenberg gebucht Verbrechen der Zukunft im Wettkampf aufgegeben. Weil ich mich daran gewöhnt hatte, früh da zu sein, saß ich in der Mitte der zweiten Reihe, und plötzlich stand sie fast direkt vor mir, die über achtzigjährige Grande Dame des „Über-sich-schreiben“.

annie-ernaux
annie-ernaux (Foto: privat)

Zusammen mit seinem Sohn David Ernaux-Briot brachte er einen Film nach Cannes Les annees super 8, eine Variation seines schriftlichen Werkes »Les années«. Der Film ist zusammengesetzt aus Super-8-Aufnahmen, die ihr Mann Philippe zwischen 1972 und 1981 für die Familie gemacht hat, meist auf Urlaubsreisen. Annie Ernaux hat eine Lebenserinnerung geschrieben, die sie von Anfang an mit gebrochener Stimme, aber immer noch mit einem mädchenhaften Klang liest. Getrieben von sozialistischem Interesse reiste die Familie mit ihren beiden Kindern in ferne Länder, zum Beispiel nach Chile zu Salvador Allende. Kurz nach seiner Reise kam Pinochet an die Macht. “Dieses Land hat es nicht mehr gegeben”, sagt Ernaux von Anfang an, auch als sie sich den Film zu Hause gemeinsam ansehen.

Die große Kunst der Texte von Annie Ernaux besteht darin, Privates und Sentimentales nie banal zu lassen, es mit Metakommentaren und soziologischen oder politischen Überlegungen zum Schreiben, zur eigenen Herkunft, zur Rolle der Frau anzureichern. Immer wieder reflektiert Annie Ernaux ihr unbefriedigendes Dasein als Familienmutter, sie beschreibt ihr weibliches Umfeld als „femmes au foyer“, allesamt Hausfrauen, nirgends findet sie Halt oder Vorbilder, außer bei sich selbst, in ihrem Denken. und Schreiben, was auch Reibung in Ihre Ehe bringt. Ernaux kommentiert klar den Zustand der Familie anhand der Fotos. Die Familie verschwindet immer mehr aus den Aufnahmen, die gefilmten Städte rücken immer mehr in den Fokus, ein Zeichen dafür, wie weit der Vater und der Ehemann entfernt sind. Schließlich verlässt Philippe die Familie, nimmt die Kamera mit in seine neue Ehe, macht neue Bilder seines neuen Lebens und damit sind die Super-8-Jahre vorbei. So einfach, so unsentimental.

Die Abgrenzung zwischen autobiografischem Schreiben und dem neueren Begriff »Autofiktion« ist nicht immer ganz klar. Auch Annie Ernaux vermeidet Kategorien, denn ihre Texte sind weder Autobiographie noch Autofiktion, sondern weitreichende Essays. Les Annees Super 8 steht am Punkt der Unbestimmtheit der Kategorien, ist Homemovie, dokumentarischer Essay und Autobiografie zugleich. Das Imaginäre tritt in den Brüchen der Filmmontage auf, in den Auslassungen, im Nichtgezeigten, das Ernaux’ Text nicht versucht, in einer geschlossenen Erzählung aufzuweichen.

Annie Ernaux ist eine von ihnen. Les Annees Super 8 über die drei Cannes-Frauen, die ihre Filme Aspekten ihres eigenen Lebens gewidmet haben. Valeria Bruni Tedeschi meldet sich zu Wort Les Amandiers (wir berichteten) über ihre Lehr- und Liebesjahre am Théâtre des Amandiers in den wilden Achtzigern. Mia Hansen-Løve ist im Wettbewerb nicht zu sehen Ein Beau Matin in der Reihe »Quinzaine des Réalisateurs«, einem Autofiktionsfilm, in dem er sich mit der Krankheit seines Vaters auseinandersetzt, der in seinen letzten Lebensjahren am Benson-Syndrom litt. Eine heimtückische und seltene Krankheit, die in vielerlei Hinsicht der Alzheimer-Krankheit ähnelt, mit einem unverhältnismäßig schnelleren Zusammenbruch der Fähigkeit, sich zu erinnern und zu verstehen, und einem weiteren Verlust des Sehvermögens.

Mia Hansen-Løve: Ballade über eine seltene Krankheit

Mia Hansen-Løves Vater war Ole Hansen-Løve, ein in Österreich geborener Philosoph und Übersetzer; sie selbst hatte zunächst Germanistik und Philosophie studiert. Der Vater des Films (Pascal Greggory) ist der Übersetzer Georg Kinsler, er hat eine große Bibliothek mit Büchern in deutscher Sprache. Seine Tochter Sandra (Léa Seydoux) hat die Arbeit ihres Vaters übernommen und dolmetscht auf Konferenzen. Als der Vater wegen seines fortschreitenden geistigen Verfalls in ein Pflegeheim muss, leert die Familie die Regale. Kafka fällt ihm in die Hände, »Die Verwandlung«. “Als Gregor Samson eines Morgens aus verstörenden Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett in ein monströses Ungeziefer verwandelt.” Die Verwandlung des Vaters in ein zunehmend geistloses Wesen. Ein Beau Matin ein zweiter Erzählstrang. Nach Jahren libidinöser Abstinenz wagt die alleinerziehende Mutter Sandra eine Affäre mit ihrem Bekannten Clément (Melvil Poupaud), der verheiratet ist und einen Sohn hat. Aus der zärtlichen und vorsichtigen Art wird eine leidenschaftliche Physikerin, die stets darauf bedacht ist, ihre Affäre nicht öffentlich zu machen, um Cléments Ehe nicht zu gefährden. Der sensible Diskurs nimmt sichtbar existenzielle Ausmaße an, als Clément erkennt, dass es so nicht weitergehen kann.

Ein Beau Matin Vermeiden Sie jedoch unnötige emotionale Dramatisierung. Die einfühlsame Beschreibung der Krankheit folgt den Aufzeichnungen von Ole Hansen-Løve, der »balade vers une maladie rare«. Ich finde es sehr aufrichtig, wie der Film die zwei Seiten des Lebens zeigt: die Krankheit, die zum Tod führt, und das Aufblühen einer schwer zu erreichenden Liebe. Jeder Ton stimmt, jeder Dialog, jedes Gefühl. Léa Seydoux greift auf ihr stärkstes Ausdrucksmittel zurück, das sie seit Bruno Dumonts Frankreich (demnächst in die Kinos kommend) entwickelt hat: unerbittliche und plötzliche Tränen. Wenn Ihre Sandra weint, wirkt dieses Weinen verständlich und »echt«, es ist meist ein stilles Weinen, manchmal auch ein Weinkrampf. Sie weint um ihren vegetativen Vater, sie weint, weil sie Gefahr läuft, ihren Vater und ihren Geliebten zu verlieren. Sie weint, weil ihr alles zu viel wird: Sie arrangiert den Büchernachlass eines noch nicht Verstorbenen, um eine neue Bibliothek zu finden, sie sucht nach einem halbwegs bezahlbaren, aber menschenwürdigen Pflegeheim: Hier spielt sich eine innergesellschaftliche Erzählung ab – realistisch über die katastrophalen Gesundheitszustand in Frankreich – und empfängt auch Cléments Liebe und Hiobsbotschaften wie kleine Schicksalsschläge, die gleichzeitig versuchen, seine Gefühlswelt in Ordnung zu bringen.

Ein Beau Matin versammelt eine Handvoll Filme, die bei der »Compétition Internationale« zu sehen sind, und es ist eine viel diskutierte Frage, warum Mia Hansen-Løve nicht wie zuletzt mit Bergman Island (2021) die Goldene Palme anstreben kann. Ein Beau Matin hat die gleiche dramatische Wucht wie das ebenfalls Autofiktionale Les Amandierserhebt sich über die Wirkleistung von frere et soeur, in dem Melvil Poupaud von der Unreife des Drehbuchs überspielt wird und Marion Cotillard nur Theatertränen zu vergießen weiß. Léa Seydoux ist auch in Cronenbergs Verbrechen der Zukunft um zu sehen.

Die »Quinzaine«: Überlegen Sie genau

Aber Mia Hansen-Løve, zusammen mit ihren Kolleginnen Léa Mysius (die fünf Teufel), Alice Winocour (Revoir Paris) und strebt mit der Schriftstellerin Annie Ernaux die Caméra d’Or an. Im Gegensatz zu „Un Certain Regard“ und der letztjährigen neuen Serie „Cannes Premieres“ (in der Emmanuel Mourets große abgedrehte Komödie Chronique d’une Passagierverbindung mit Sandrine Kiberlain und Vincent Macaigne wird dieser Film auch in wiederholt Ein Beau Matin) ist die Sektion »Quinzaine des Réalisateurs« nicht Teil der offiziellen Cannes-Auswahl. Der unfreiwillig zurückgetretene Generalkommissar der Serie, Paolo Moretti, hat „Quinzaina“ in vier Jahren deutlich vorangebracht. Dass er nun ein Jahr vor Vertragsende gehen muss, hat ebenso für Entsetzen gesorgt wie die Ankündigung des Verwaltungsrats der geschäftsführenden Société des Réalisateurs de Films (SRF), dass der «Name, die Besonderheiten und die strategische und politische Rolle“ des Abschnitts „Vertiefung“ zu viel Nachdenken schafft kein Vertrauen. 1969 gründete der SRF die Sektion als Gegenfestival zur großen Konkurrenz in Cannes und erinnert in dieser Oppositionsgeste an das ebenfalls unabhängige Berlinale Forum (seit 1971).

Vielleicht wurde »Quinzaine« mit der Stärke der Filme, den wiederkehrenden Namen des Wettbewerbs und der vergleichbaren Qualität der offiziellen Sektion zu ähnlich und zu durchlässig? Das nächste Jahr wird zeigen, was der Vorstand, zu dem Jacques Audiard (Gewinner der Goldenen Palme mit Dheepan 2015), Philippe Faucon (mit Les Harkis beim diesjährigen »Quinzaine«) und Rebecca Zlotowski (mit Une fille facile 2019 beim »Quinzaine«). Und wird Paolo Moretti, der als Programmgestalter des FID Marseille nach Cannes kam, sein Glück erneut beim renommierten Marseiller Festival versuchen, dessen Intendanz in diesem Jahr womöglich nicht bewusst ausgewechselt wurde? Wirklich gut.