Campino über den Dokumentarfilm „Partido Fuera“ | NDR.de – Kultur

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Campino über den Dokumentarfilm „Partido Fuera“ |  NDR.de – Kultur

Stand: 06.08.2022 14:31

Vor 40 Jahren gaben die Toten Hosen ein geheimes Konzert in der DDR. Ein Gespräch mit Campino. Heute sitzt der Deutsch-Brite auf dem Roten Sofa der DAS! zu erleben.

Der Film „Away Game“ dokumentiert, wie die Toten Hosen vor 40 Jahren, kurz nach ihrer Gründung, die Stasi zu einem geheimen Konzert in der DDR verleiteten. Heute ist Campino zur DAS eingeladen! auf dem roten Sofa. Dort gibt der Deutsch-Brite Einblicke in sein Familienleben, seine Leidenschaft für den Fußball und erklärt, warum ihm sein Engagement für die Aufklärung über Darmkrebs heute so wichtig ist. Im April sprach er mit NDR Kultur über den Film „Auswärtsspiel“.

War dir vor 40 Jahren, als du dich dort auf den Weg gemacht hast, sofort klar: Mehr Rebellion, mehr Underground geht eigentlich nicht?

Landschaft: Uns war schon klar, dass Punkrock in Ost-Berlin eine ganz andere Hausnummer ist als das, was wir hier im Westen erreicht haben. Bei diesem ersten geheimen Konzert in der Erlöserkirche traf uns auch die Realität. So konnten wir selbst nichts mitbringen. Wir wurden sozusagen in Zweier- und Dreiergruppen über die Grenze geschmuggelt und spielten dann auf den Instrumenten, die uns die Jungs von Planlos, der Band, die auch bei uns spielte, gegeben haben. Die Gitarrensaiten waren dreifach geknotet, weil es keine Ersatzteile gab. Es gab nur einen Verstärker im Raum, über den sowieso alles laufen musste. Am Ende habe ich ohne Mikrofon gesungen, weil es sowieso lauter war als mit der Anlage.

Die Toten Hosen in Ost-Berlin © SWR/JKP

Punk über Grenzen hinweg, schon vor 1989.

Nun, das waren alles Momente, in denen wir die Umstände sahen, mit denen sie zu kämpfen hatten. Außerdem wurde alles unter strengster Geheimhaltung durchgeführt, weil man befürchtete, dass die Stasi davon erfahren würde. So etwas war nur mit dem Schutz der Kirche zu erreichen. Davor hatte die Geheimpolizei Respekt und ging damals nicht in die Räume, um Hausdurchsuchungen durchzuführen. Das hat die Kirche also wirklich bestens genutzt, um Menschen mit rebellischen oder gar regimekritischen Ideen Raum für Begegnungen, Gedankenaustausch oder einfach ähnliche Begegnungen zwischen einem Westler und einem Punk aus Berlin Oriental zu geben. mögliche Band.

Als Planlos gespielt hat, hat man irgendwie zugehört. Gab es einen orientalischen Punk-Sound?

Landschaft: Nein im Ernst. Im Zimmer waren wir alle zusammen und wir haben alle an einem Seil gezogen. Es gab keine Ost-West-Trennung, weil die Seele dieselbe war, was sie sangen, war absolut ähnlich in Bezug auf Text und musikalische Komposition. Planlos wäre also in Westdeutschland sehr, sehr willkommen gewesen. Man merkte den Jungs dort an, dass sie auch Westradio hörten und somit komplett von Londoner Punkbands beeinflusst waren und bei uns war es nicht anders.

Von Pfeifen und Schnaufen hatte die Stasi keine Ahnung, so ist es dokumentiert. Ihr wart, wie war der genaue Name: die Rockband aus… zumindest nicht aus Düsseldorf?

Campino: Tote Hosen aus West-Berlin (lacht). Ja, das hat uns gestört. Wir haben erwartet, dass die Stasi etwas akribischer arbeitet. Scherz beiseite. Es wurden Anstrengungen unternommen, um herauszufinden, was unsere Verbindungen sind. Warum wir das Gebiet der DDR noch betreten durften usw. Sie haben hart gearbeitet, um uns zu verbieten, aber das ist nie passiert, weil das System implodiert ist.

War Ihnen damals schon klar, dass es ein besonderes Konzert war? Dass dann, wenn man auf die 40-jährige Bandgeschichte zurückblickt, sie im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen wird, so wie jetzt mit dieser Dokumentation.

Die Toten Hosen in Ost-Berlin © SWR/Holm Friedrich

Die Toten Hosen in Ost-Berlin

Campino: Natürlich nicht. Nun, wir haben uns 1983 darauf geeinigt, dass niemand etwas sagen soll, um die Kinder Ost-Berlins nicht zu gefährden. Wenn die Stasi davon erfahren hätte, hätten einige von ihnen jahrelang ins Gefängnis gehen können, einige von ihnen sind nach unserem zweiten Konzert ins Gefängnis gegangen. Oder die Kinder wurden zur Armee gesteckt, das passierte auch der Band planlos. Es war so gefährlich. Wir hatten den Anstand und den gesunden Menschenverstand, darüber den Mund zu halten. 1983 hat keiner von uns, weder in Ost- noch in Westberlin, damit gerechnet, dass wir es noch einmal erleben würden, dass die Mauer fällt. Insofern würde niemand denken, dass dies irgendwann in ferner Zukunft ein glorreicher Moment sein würde, über den man so gut berichten könnte. Das kam überhaupt nicht in Frage.

Hast du dich richtig angezogen?

Campino: Ja, als wir 1983 die Grenze überquerten, haben wir uns verabredet: nur zu zweit oder zu dritt, alle an verschiedenen Grenzübergängen, zu unterschiedlichen Zeiten, so dass keine Verbindung hergestellt werden konnte. Und der Slogan war: Lass deine Haare weg! Zieh die normalste Hose an, die du je besessen hast! Nichts Besonderes! Setzen Sie Ihren Hut auf und stellen Sie sicher, dass Sie überqueren, denn wenn einer von uns versagt hätte, wäre das Konzert nicht zustande gekommen.

Das Interview führte Lenore Lötsch.

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Link zur Dokumentation der Toten Hosen in der ARD-Mediathek – extern verfügbar bis 10. Mai 2022

Dieses Thema im Programm:

Kultur NDR | Klassiker damals | 13.04.2022 | 7:20 Uhr

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