Das Wunder von Stuttgart als Weckruf

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München – 93 Minuten lang war es die Geschichte der katastrophalen Chancenverwertung, die den VfB Stuttgart zwei Jahre nach dem Zweitliga-Aufstieg daran hinderte, die Tabellenführung zu halten. Letzte Ausfahrt: Abstieg. Der Zusammenstoß mit der zweiten Klasse steht unmittelbar bevor. Dann kommt die 92. Minute.

Kapitän Wataru Endo, der knapp vor dem Alu-Tor gescheitert war, schoss den Ball nach einer Ecke flach ins Netz zum 2:1 gegen den 1. FC Köln. Während Borussia Dortmund gegen den Abstiegsrivalen Hertha BSC unterstützt, brechen in der Mercedes-Benz Arena alle Dämme.

Zehntausende begeisterte Fans stürmen das Spielfeld. Die Last-Minute-Helden um Sasa Kalajdzic, Autor des 1:0, baden sichtlich gerne in der Öffentlichkeit. Ein Happy End, wie es nur Fußball schreiben kann.

„Es ist schwer in Worte zu fassen“, sagte Geschäftsführer Alexander Wehrle und umarmte „Sky“-Moderator Patrick Wasserpucker während des Interviews etwas verwundert.

Meistermannschaft 1992 als Glücksbringer

Um den Erfolg zu forcieren, hat sich die Vereinsführung vor dem Anpfiff etwas ganz Besonderes einfallen lassen und die Geister des Fußballs vergangener Zeiten heraufbeschworen. Das Meisterteam von 1992 kam zur Rettung, während das aktuelle Team als Glücksbringer eine Nachbildung des Meistertrikots von vor 30 Jahren trägt.

Guido Buchwald erzielte in der 86. Minute das entscheidende Tor für den VfB, 2022 war es Endo in der Nachspielzeit. Aberglaube führt nirgendwohin.

Mit dem Abstieg hatten sich die Stuttgarter vor einigen Wochen mental angefreundet. Erst nach zwei Unentschieden am Saisonende gegen Wolfsburg und Bayern, bei denen die Schwaben aus dem Rückstand gerieten, und dank einer geschwächten Hertha keimten neue Hoffnungen auf.

Der VfB vergibt viele Chancen

Um den Klassenerhalt zu erreichen, war allerdings ein Sieg gegen Köln Pflicht. Der Wille war da. Der VfB hat gekämpft, sein Herz auf dem Platz gelassen. 60.000 begeisterte Fans trieben sein Team zu zweistelligen Chancen. Aber dasselbe verwenden? In dieser Saison gab es ein Problem mit dem Pfeffer.

Nur Kalajdzic hätte nach seinem verschossenen Elfmeter drei-, viermal treffen müssen. Endo ist sicherlich kein Vollzeittorwart, er hat nur Aluminium getroffen. Auch FC-Torhüter Marvin Schwäbe fühlte sich an diesem Nachmittag unausstehlich. Schwäbe der Zauberer. Das Tor von Köln wie vernagelt.

Als einige Fans auf der Tribüne schon Tränen in den Augen hatten, endlich Erlösung. „Ich dachte nur, jemand muss treffen, jemand muss treffen. Also war ich es“, feiert Matchwinner Endo nach dem Schlusspfiff bei „Sky“. Die Abfahrt ist einer der schönsten Momente Ihres Lebens.

Präsident Claus Vogt hat es ähnlich beschrieben. “Es hat mein Herz und meine Nieren berührt. So kann nur Fußball sein. (…) Ich hatte Angst.”

Mangelnde Effektivität und Verletzungspech beim VfB

Das versöhnliche Ende täuscht jedoch nicht über die enttäuschende Saison hinweg, für die sich die fehlende Effektivität vor dem Tor wie ein roter Faden verlief. Spiele wie das 1:1 gegen Absteiger Arminia Bielefeld brachten den VfB nur in Schwierigkeiten. Insgesamt zwölf Unentschieden symbolisieren den vielen Punkterückstand.

Das Verletzungsdrama, neun Spieler fehlten am letzten Spieltag, war ein weiterer Stein im Mosaik der Krise. Stürmer Kalajdzic, der beim FC Bayern als möglicher Nachfolger von Lewandowski im Gespräch ist, verpasste den größten Teil der Hinrunde wegen einer Schulterverletzung.

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Sportdirektor Mislintat in der Kritik

Sportdirektor Sven Mislintat ist der Hauptkritiker. Nach dem neunten Platz in der Vorsaison überraschte der VfB als Aufsteiger positiv. Doch dann bekam der Routinier Gonzalo Castro keinen neuen Vertrag. Offensivjuwel Nicolás González wurde für 24,5 Millionen Euro an Florencia verkauft.

Neuzugänge wie die Leihgabe Tiago Tomas und Omar Marmoush konnten diesem Beispiel nicht folgen. Bedenkt man, dass mit Kalajdzic und Borna Sosa wohl zwei große Säulen den Verein verlassen werden, werden die Herausforderungen in der Kaderplanung nicht geringer.

Ob Mislintat, aber auch Trainer Pellegrino Matarazzo, ihre Arbeit in Stuttgart fortsetzen können, ist noch offen. Eines ist sicher: Eine Saison wie diese darf sich nicht noch einmal wiederholen. Denn zwei Wunder hintereinander sind auch im Fußball selten.

Carolina Bluechel

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