Geschichtlicher Rückblick: Ein Film ohne Anschuldigungen und ohne Antworten

Posted on

Ein sanft mäandernder Fluss, umgeben von grünen Wiesen, im Hintergrund ein Wald: Auf den ersten Blick erinnert das Bild an ein romantisches Landschaftsgemälde, doch bei näherer Betrachtung bewegt sich das Bild langsam. Nebelschwaden ziehen über den Flusslauf, Vögel zwitschern, das Wasser kräuselt sich sanft. Filmemacher Tom Salt sagte, er habe sich schon immer gewünscht, eine solche Szene bei der Vorführung des Kinos Demmin zu filmen. Er fand sie bei Demmin, diese scheinbar unberührte Natur, diese harmonische Landschaft. Dann wird die Kinoleinwand plötzlich schwarz. Es erscheinen die Worte „Es gibt keine unschuldigen Landschaften“, ein Zitat des Malers und Bildhauers Anselm Kiefer.

Weiterlesen: Demmin Massenselbstmord: Historiker wagt Rätsel um Gewalt

So beginnt der Kurzdokumentarfilm „Dreistromland“, in dem Regisseur und Produzent Tom Salt Mitglieder der Künstlergruppe Norddeutsche Realisten bei ihrer Arbeit in und um Demmin begleitet und dabei selbst zu einer Art Freilichtmaler wird. Das Symposium im Rahmen des von der Evangelischen Kirchengemeinde initiierten Projekts „over.wound“ hatte zum Ziel, die Aufarbeitung des Traumas von Demmins Massenselbstmord am Ende des Zweiten Weltkriegs 75 Jahre nach Kriegsende zu fördern.

Weiterlesen: Demmins Trauma wird in Frankreich untersucht

Die entstandenen Gemälde und Filme zeugen von einer neuen Form der Strafverfolgung, die Bürgermeister Thomas Witkowski begrüßt. „Es ist ein sehr ruhiger, sehr interessanter und bewegender Film“, sagt er. „Die Dokumentation und auch die Bilder sind nicht anklagend. Sie repräsentieren die Schönheit unserer Natur.“ Und doch macht sich die Geschichte im Hintergrund bemerkbar, das Bewusstsein von Massenselbstmorden am Ende des Krieges, nicht explizit gezeigt und doch plastisch.

Weiterlesen: Wer Fluchterfahrungen gemacht hat, wird dem Krieg in der Ukraine nicht gleichgültig gegenüberstehen

Die Künstlerin Corinna Weiner beispielsweise malte eine Frau in einem weißen Kleid. Sie steht im Fluss und hält einen Faden, ihr Gesicht ist nicht mehr im Bild. Erstmals hatte sich die Malerin in Demmin nicht nur farblich und kompositorisch, sondern auch moralisch gefragt: „Was ist das Richtige?“ Sie spricht darüber in der Dokumentation.

Kino und Malerei geben aus Witkowskis Sicht Impulse, sich weiter mit der Geschichte auseinanderzusetzen, “ohne anklagend zu sein und ohne Antworten zu geben”. Die Erinnerungskultur hat sich verändert.

Weiterlesen: Polizei stellt Sprengstoffverstoß bei “Trauermarsch” in Demmin fest

Die Ereignisse des Kriegsendes wurden in den letzten Jahren auf unterschiedliche Weise aufgearbeitet. Wissenschaftlich, künstlerisch – in Kino, Literatur, Musik und Bild – und oft auch kollektiv. Zum Beispiel hatten viele Menschen an verschiedenen Orten an dem Trauertuch gearbeitet. Immer wieder treffen sich die Demminers im Zeitzeugencafé, um über ihre Erinnerungen zu sprechen.

Weiterlesen: Autor liest Buch über Massenselbstmord in Demmin 1945

Die Ergebnisse, insbesondere die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Kriegsende, blieben nicht immer unkritisch. Skeptiker argumentierten, dass die Stadt weiter stigmatisiert und in der Geschichte gefangen würde. Aus Witkowskis Sicht ist jedoch jede sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema ein Gewinn. „Jede Art, sich unserer Geschichte zu nähern, bringt uns voran und ist ein Stück Erinnerungs- und Verarbeitungskultur“, sagte er kürzlich im Vereinspodcast T30.

Weiterlesen: Demminer Garten der Erinnerung ist endlich eröffnet

Zumal das Interesse nach wie vor groß ist. Der Garten der Erinnerung werde von „Jung und Alt, intern und extern“ sehr gut angenommen, berichtet Witkowski. Es gibt immer wieder Anfragen von Reisegruppen. „Mit dem Garten der Erinnerung haben wir endlich einen Ort im Herzen der Stadt, an dem wir Menschen zur Information bringen können“, erklärt der Bürgermeister. Der Film „Dreistromland“ steht der Stadt noch zur Verfügung und wird in Zukunft wieder gezeigt.