Gladbeck. Das Geiseldrama: Volker Heise Netflix-Film

Posted on
Gladbeck.  Das Geiseldrama: Volker Heise Netflix-Film

GRAMMladbeck, das ist nicht nur der name einer langweiligen stadt im nördlichen ruhrgebiet. Seit 1988 steht es auch für eines der spektakulärsten Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik, das mit einem Banküberfall und einer Entführung begann, durch das ganze Land zog und nach 54 Stunden auf der Autobahn bei Bad Honnef endete. Drei Menschen starben, zwei von ihnen wurden von den Entführern Rösner und Degowski erschossen. Die Polizei machte keine gute Figur, die Medien machten einen noch schlechteren Eindruck: Fernseh- und Printjournalisten filmten und interviewten die Täter wie bei einem Betriebsausflug oder fungierten als Schlichter.

leer

Peter Körte

Herausgeber der Schriftenreihe der Sonntagszeitung Frankfurter Allgemeine in Berlin.

Es war das erste Mal, dass ein Millionenpublikum ein Kapitalverbrechen live sehen konnte. Öffentlich-Rechtliche und junge Privatsender wetteiferten nicht nur um den größten Scoop und die heißesten Bilder. Sie selbst wurden zum „treibenden Element“, wie Volker Heise in einem Interview über seine Netflix-Produktion „Gladbeck“ sagte. Das Drama der Geiseln“, sagt er.

So rau und roh wie möglich.

Natürlich ist Heises Film nicht der erste zu diesem Thema. Die Ereignisse als Dauertrauma der Branche wurden mehrfach verarbeitet, nicht nur im üblichen dokumentarischen Format; auch als Dokudrama („Race with Death“, RTL 1998), als eine Art fiktiver Versuch, ihn zu überwinden („Ein Großes Ding“, Arte/ZDF 1999), als akribische Nachbildung („Gladbeck“, ARD 2018) und , dennoch, ein Meilenstein, wie eine blutige Farce von Christoph Schlingensief unter dem starken Titel „Terror 2000 – Deutsche Intensivstation“ im Jahr 1992.

“Dieser Film besteht ausschließlich aus Originalaufnahmen”, heißt es zu Beginn bei Heise. Er wollte das Material “so roh und roh wie möglich” präsentieren, ohne Zeitzeugen zu befragen und die üblichen Extras: eine Abfolge von Bewegtbildern, Standbildern, verblassenden Zeitungsseiten, dazu sehr dezente Musik. Heise hat Erfahrung mit dieser Art der Collage, wie er kürzlich in seiner Dokumentargeschichte „Berlin 1945 – Tagebuch einer großen Stadt“ (2020) eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Es geht darum zu zeigen. Sag nicht.

Auch in Gladbecks Film geht die Erzählung vollständig in die Montage über. Die Gruppierung, die Anordnung des Materials, die Auswahl und der Moment geben die Erzählform vor. Dabei ist es wichtig, diese Bilder nicht einfach ohne Reflexionen, die Kameradschaft und die fehlende Distanz zwischen denen, die sie gemacht haben, und denen, die sie in Auftrag gegeben und bearbeitet haben, zu reproduzieren. Heise löst das souverän: Die Bilder von früher seien sich der Bedingungen ihrer Entstehung nicht bewusst.

Aber obwohl alles, was Sie sehen, Found Footage ist, gibt es einen seltsamen Effekt, wenn Sie es betrachten. Man könnte von „Refiktionalisierung“ sprechen. Es scheint, als schaue man sich einen formal avancierten Krimi an, der mit Unvollkommenheit kokettiert, bewusst unterschiedliche Bildformate und scharfe Dialoglinien einsetzt: „I fuck my life, I’m a crime by nature“, sagt der Gangster Rösner. . Wie eine Mockumentary, einen als Dokudrama getarnten Spielfilm.

Das war definitiv nicht Heises Absicht. Allerdings dürfte es kein Zufall sein, dass in den 1980er Jahren nach Romanen wie “Sieben Sekunden” oder “Weißes Rauschen” von Don DeLillo die “Fiktionalisierung der Realität” zu einer eingängigen Formel wurde, für die Gladbeck ein perfektes Beispiel war. . Dieser Effekt könnte Medienhistorikern eine interessante Erkenntnis liefern: Je genauer man Bilder des Realen betrachtet, desto fiktiver blicken sie zurück. Dies ist kein historisches Gesetz, sondern eine empirische Beobachtung, die auch aus in Echtzeit vermittelten Ereignissen wie der OJ-Simpson-Fahndung 1994 gemacht werden könnte.

Bild- und Textmedien kehren auch in Zeiten von Social Media immer wieder nach Gladbeck zurück, denn selten ist so greifbar, wie mediale Repräsentation ihr Thema gestalten will, wie ein Medium zum Agenten wird.

Es kommt am 8. Juni auf Netflix an.