Hertha BSC in der Relegation: Die alte Dame ist immer noch eine Drama-Queen – Sport

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Es war 17:22 Uhr und in der östlichen Ecke der Nordtribüne wurden die Waffen erhoben. Aus purer Verzweiflung, aus Unglück, aus Scham. Die Stuttgarter Nachrichten brachen auf Smartphones und ein oder zwei Transistorradios und veranlassten Hunderte von Berlinern, sich gleichzeitig durch die Haare zu fahren.

Hertha verlor in Dortmund mit 1:2; Der VfB Stuttgart traf noch mit 2:1 gegen den 1. FC Köln; und das hieß am Ende: Hertha muss in der Relegation am Donnerstag gegen den drittplatzierten Vizemeister antreten. Der Gegner wird am Sonntag ermittelt.

Es gab eine Reihe von Fans, die lange in der Ecke blieben. Dass er vergeblich gefordert hatte, dass sich die Mannschaft den Fans stellt, für die der Verein ein Lebensinhalt ist, und dass er ihm ein aufmunterndes „Hahaha“ zugerufen habe. Vergeblich. sie kamen nicht Zu tiefgreifend waren die Auswirkungen der Niederlage und ihrer Folgen: Hertha bangt noch immer um den Verbleib in der 1. Liga. Und wenn Tränen ein Maßstab sind, wird es für die Hertha-Funktionäre eine Herkulesaufgabe, die Mannschaft wieder auf die Beine zu bringen. Denn auf dem Platz weinten nicht wenige Spieler.

„Die Jungs sind jetzt am Boden. Total erschöpft“, sagt Hertha-Manager Fredi Bobic.

Die Tränen waren verständlich. Zum zweiten Mal innerhalb von acht Tagen vergab die Hertha, die sich in den letzten drei Jahren mit 374 Millionen Euro an Investorengeldern vollgestopft hatte, die Chance, sich den Klassenerhalt zu sichern. Es lag in seiner eigenen Hand. Die Rolle der Drama-Queen gefällt der alten Dame nach wie vor: Vergangene Woche verlor sie gegen Mainz, am Samstag unterlag sie in Dortmund mit 0:1 (Ishak Belfodil/18), weil zunächst Erling Haaland, ebenfalls per Elfmeter, den Ausgleich erzielte der eingewechselte Youssoufa Moukoko erzielte das 1:2 (84.).

Hertha BSC: Felix Magath hatte Recht: Die Saison ist für Hertha BSC nach dem 34. Spieltag noch nicht zu Ende.

Felix Magath hatte recht: Die Saison ist für Hertha BSC nach dem 34. Spieltag noch nicht zu Ende.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

„Die Jungs sind jetzt am Boden. Total erschöpft“, sagte Hertha-Manager Fredi Bobic: „Wir haben jetzt zwei Spiele, in denen wir es richten müssen.“ Die Statistik spricht für Hertha. Der Bundesligist gewinnt in der Regel gegen den Zweitligisten. Aber: Hertha gehörte vor zehn Jahren zu den Mannschaften, die in der Relegation gegen einen Zweitligisten, damals Fortuna Düsseldorf, verloren.

Die Katastrophe brach in einer merkwürdig seltsamen Atmosphäre über Hertha aus. Dortmund ging mit hochgesteckten flauschigen Haaren in die Partie: Roman Bürki, Dan-Axel Zagadou, Axel Witsel, Thomas Meunier, Marin Pongracic und Haaland verabschiedeten sich. Vor allem der ehemalige Spieler und spätere Manager Michael Zorc verabschiedete sich und war zu Tränen gerührt, als „die Süd“ „Susi“ nach ihm benannte.

Hertha war zunächst unbeeinflusst. Sie wirkte im positiven Sinne völlig unberührt. Nervosität musste mit der Lupe gesucht werden, Hertha bekam sogar so etwas wie das Glück des Spiels, oder genauer gesagt: das Glück des Tages, indem sie ein etwas offensives Spiel spielte. Denn noch bevor im alten Westfalenstadion die Nachricht kursieren konnte, dass der VfB Stuttgart gegen den 1. FC Köln in Führung gegangen war (und Hertha im Fernduell unter Druck gesetzt hatte), sorgte Schiedsrichter Tobias Stieler in Dortmund für den Elfmeter. Die voreilige Korrektur des Linienrichters – vermeintliches Abseits vor Zagadous Foul an Herthas Ishak Belfodil – entpuppte sich beim Blick auf den Monitor schnell als Fehler. Nur drei Minuten nach der Meldung vom 1:0 für Stuttgart kam Belfodil ins Spiel und verwandelte sicher.

Die Dortmunder spielten, als hätten sie esoterische Yoga-Musik gehört

Dadurch verdiente sich Borussia Dortmund die schrillen Pfiffe, die zur Halbzeit zu hören waren. Hertha BSC-Co-Trainer Mark Fotheringham legte im Trainingsbereich mehr Kilometer zurück als die Hälfte der Dortmunder auf dem Platz. Vor allem im Abschnitt „Rennintensiv“ ließ der Schotte das BVB-Team hinter sich. Die Dortmunder spielten, als hätten sie vor dem Spiel esoterische Yoga-Musik gehört, wodurch es den Berlinern leicht fiel, Angriffsversuchen vom eigenen Tor aus auszuweichen. Erst in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit wurde es durch eine dramatische Hereingabe von Zagadou gefährlich für Hertha. Herthas Marcel Lotka lief zurück und fing den Ball im Extremfall, knallte dann aber mit voller Wucht mit dem Gesicht an den linken Pfosten. Es muss eine Szene mit Symbolcharakter sein.

Hertha BSC: Für Michael Zorc, den scheidenden Sportdirektor, war es ein tränenreicher Abschied aus Dortmund "Süden".

Für Michael Zorc, den scheidenden Sportdirektor, war es ein tränenreicher Abschied vom „Süd“ aus Dortmund.

(Foto: David Canto Indio/dpa)

Denn in der zweiten Halbzeit kam Dortmund durch eine Szene zurück ins Spiel, die im Hertha-Feld verständliche Erwartungshaltungen auslöste. Warum: In der 66. Minute wurde Schiedsrichter Stieler zurück auf den Bildschirm gerufen. Nach einem Freistoß von der Strafraumgrenze wurde der Ball an Hertha-Mittelfeldspieler Santiago Ascacíbar vorbei abgefälscht und landete auf dem Arm von Marvin Plattenhardt; Stieler sagte, er habe keine andere Wahl gehabt, als den Elfmeter zu kassieren, den Haaland im 86. Tor des 89. Pflichtspiels für den BVB verwandelt hatte.

Kommt es wirklich zum Abstiegsduell mit dem HSV, wie Magath prognostiziert hat?

„Das ist eine Wahnsinnsregel. Der Ball wurde abgefälscht und der Spieler kann nicht reagieren“, sagte Trainer Bobic. Trainer Magath stimmte zu: „Mit Sport hat das nichts mehr zu tun. Mit Fußball schon gar nicht.“ Doch das Problem für Hertha war, dass es nach 84 Minuten 1:2 stand, Jude Bellingham spielte einen spektakulären Pass in den Lauf der 17-jährigen Moukoko, der Ball flog aus dem Innenpfosten ins Tor zum 2:1. Und das alles so spät, dass Hertha keine Zeit hatte, aus der Lähmung aufzuwachen und dem Spiel erstmals einen richtig offensiven Touch zu geben. Stevan Jovetic, der spät eingewechselt wurde, traf das Tor und feuerte die Hertha-Menge zum Jubeln an, die plötzlich verschluckt wurde. Das ist es. Und der ganzen Hertha blieb nur noch, das Böse, das im Stadion über sie hereinbrach, gelassen zu ertragen. „Zweite Liga, Hertha ist da“, skandierten die Dortmunder Fans.

Allerdings: Hertha hat noch 180 Minuten Zeit, um sich zu wehren. „Unsere Mannschaft hat sich hier in Dortmund als Bundesligist präsentiert. Deshalb bin ich zuversichtlich. Gegen den Tabellendritten der zweiten Liga haben wir eine legitime Chance auf den Klassenerhalt“, sagte Magath. Im Grunde sagte er selbst, als er davon ausging, dass Hertha runter muss. Und er wies auch darauf hin, dass er gegen den Hamburger SV antreten werde, den Verein, in dem er zur Legende wurde. Daran wollte er am Samstagabend nicht denken. Aber wenn das passiert, “wird es für mich persönlich ein sehr schweres Spiel”, sagte Magath. Und vor allem für sein Team.