Ich nenne mich Künstlerin (nd-aktuell.de)

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Der Maler Heinrich Vogeler war Feminist, noch bevor er Kommunist wurde.

Der Maler Heinrich Vogeler war Feminist, noch bevor er Kommunist wurde.

Foto: Verleih von Farbfilmen

Das könnte Instinkt, wenn nicht Hochverrat sein: Der Film »Heinrich Vogeler« erzählt die Geschichte eines Malers, der freiwillig in die Sowjetunion ging. Kann so etwas derzeit gezeigt werden? Ist der ukrainische Botschafter informiert? Muss sich der Präsident entschuldigen?

Regisseurin Marie Noëlle muss allerdings zugeben, dass sie sich große Mühe gegeben hat, die hochpolitische Geschichte auf ein Psychodrama zu reduzieren. Er engagierte sogar einen Schweizer Psychoanalytiker, der schnell feststellte, dass der Maler einen Mutterkomplex hatte.

Heinrich Vogeler (1872–1942) erzählt seine Geschichte in seiner fragmentarischen, aber umfangreichen Autobiographie (»Werden«), die Erich Weinert 1952 veröffentlichte: Von der akademischen Malerei abgestoßen, ließ sich Vogeler 1894 in der aufstrebenden Künstlerkolonie Worpswede nieder. Das Erbe seines Vaters, eines Eisengroßhändlers, ermöglichte es ihm, ein Haus, den Barkenhoff, zu kaufen und umzubauen. In dieser Zeit erhält er Besuch von einem alten Bekannten, dem Schriftsteller Rudolf Alexander Schröder.

Schröder erzählt ihm, dass sein stinkreicher Cousin eine Zeitschrift aufschlägt. Wir suchen noch einen Grafikdesigner. Vogeler verlässt alles, reist nach München und wird zum Gestalter der »Insel«. In München traf der von manchen belächelte Vogeler auf die Crème de la Crème der Literatur und des Adels, bald darauf in Florenz auf den Dichter Rainer Maria Rilke. Als Vogeler nach Worpswede zurückkehrte, um sich der Malerei zu widmen, war er ein Mann, der durch seine meisterhaften Jugendstilentwürfe geschaffen wurde.

Diese Vorgeschichte lässt Noëlle lieber aus: der Künstler als Getriebe in einer ästhetischen Industrie. In seinem Film, halb biografische Geschichte, halb Dokumentation, stolpert eines Tages ein tollpatschiger Rilke (Johann von Bülow) in das Paradies des Vogeler-Malers (Florian Lukas) und bittet ihn, ihn nach Paris zu begleiten, um den Bildhauer Auguste Rodin (Samuel Finzi) zu treffen ) und kennen die wahre Kunst.

Wenn Rilke hier eine Karikatur ist, ist Rodin es erst recht. Er sieht aus wie ein Waldkobold, als er an den Blumen riecht und ausruft: „In der Natur ist sogar hässlich schön!“ Hat Rodin so etwas Dummes gesagt? Wahrscheinlich nicht. Überliefert ist der Ausspruch: „Für den Künstler, der diesen Titel treffend trägt, ist in der Natur alles schön, weil seine Augen, die kühn alle äußere Wahrheit willkommen heißen, darin mühelos wie in einem offenen Buch alle innere Wahrheit lesen“ (Gespräche mit Paul Gell, 1911)

Noëlle lässt Vogeler und Rodin in Kostümen der Jahrhundertwende auf eine zeitgenössische Künstlerin treffen, Sophie Sainrapt, die voller Sinnlichkeit einen weiblichen Akt malt und behauptet, dass zu Vogelers Zeit nur Männer nackte Frauen darstellen könnten. Das ist grundsätzlich richtig, aber es fällt auf, wie ausführlich Vogeler selbst darüber schreibt, dass Paula Modersohn-Becker und Clara Westhoff (spätere Frau von Rilke) Akte eines Landarbeiters geschaffen haben. Sie unterstützt im Allgemeinen die Kunst von Frauen, insbesondere die von Modersohn, und ist Feministin, noch bevor sie Kommunistin wurde.

Kommunist wurde er während des Ersten Weltkriegs, in den er wie viele andere freiwillig eintrat und mit einer Lehre davonkam. Er greift den Kaiser an, beteiligt sich am Bremer Republikrat von Johann Knief, macht aus Barkenhoff eine Kommune, schreibt kommunistische und pädagogische Schriften und schafft Wandmalereien, die auch Diego Rivera interessieren. Nachdem er seit 1924 wiederholt das Land bereist hatte, übersiedelte er 1932 in die Sowjetunion, wo er sich zahlreichen Künstlergruppen anschloss. Nach dem Überfall Nazideutschlands aus Moskau evakuiert, starb er 1942 im Alter von 70 Jahren an Erschöpfung.

Was interessiert Noëlle an diesem Material? Die Geschichten von Frauen, eher zwei Ehefrauen. Er erwähnt Vogelers Verbindung mit der Dresdner Arbeiterin Marie Griesbach ebenso wenig wie mit der Malerin Ursula Dehmel. Bei Ehedramen – Vogelers Assoziationen mit Martha Schröder (Anna Maria Mühe) und Sonja Marchlewska (Alice Dwyer) – ist ihr kein Effekt zu teuer: Hologramme, Projektionen, Bildbearbeitung, Verfremdungen, Animationen, sphärische Chöre.

Kunst sollte so wenig Beachtung finden wie Politik. Der Film ignoriert Vogelers Hinwendung zum Expressionismus nach dem Krieg, zeigt aber die erstaunlichen „complex images“, prismatische Montagen, in denen der Maler Norbert Bisky eine „filmische Bildauffassung“ erkennt. Politisch finden sich darin auch formale Prinzipien des Jugendstils wieder.

Noëlle lässt Mäzen Ludwig Roselius (Uwe Preuss) herein, der als Hersteller von entkoffeiniertem Hag-Kaffee Millionen verdiente. Historisch korrekt rekonstruiert es den Versuch des Mäzens, Vogeler von der Politik abzubringen. Aber dass Roselius, den Vogeler selbst entdecken musste, von Anfang an Nazi und Antisemit war, kommt im Film nicht vor, das wäre wohl nicht so gesund gewesen wie Kaffee. Das Ziel dieser Arbeit ist eindeutig, eine verständliche Psychostudie zu Vogelers 150. Geburtstag zu erstellen. Es ist eine Fortsetzung eines vorherigen.

Durch eine Reihe unglücklicher Umstände besuchte ich 1996 Noëlles Uraufführung »I call yourself a man« beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken. In meiner Rezension schrieb ich reumütig: „Alles, was angewandte Kunst und Neoarchaismus zu bieten haben, findet sich in dieser Ausarbeitung, die von den Festivalbesuchern begeistert aufgenommen wurde.“ Ich habe auch über den Film von Marie Noëlles Vogeler geschrieben.

“Henry Vogeler. Maler, Kamerad, Märtyrer«: Deutschland 2022. Regie: Marie Noëlle. Mit Florian Lukas, Anna Maria Mühe u.a. 90 Minuten. Beginn: 12. Mai.