Körperhorror in Cannes – hier sprießen die Ohren – und die Organpolizei ist da draußen – Kultur

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Körperhorror in Cannes – hier sprießen die Ohren – und die Organpolizei ist da draußen – Kultur


Inhalt

David Cronenbergs neuer Film „Crimes of the Future“ beschäftigt sich mit Mutationen und Körpermodifikationen als künstlerische Darstellung.

Es beginnt mit einem Schrecken. In einer heruntergekommenen Strandvilla hinter einem rostenden Kreuzfahrtschiff sieht eine Mutter zu, wie ihr kleiner Sohn große Brocken von einem Plastikeimer abbeißt und vor Freude kaut und schluckt.

Augenblicke später erstickt er den Jungen mit einem Kissen. Dies ist der eindringliche Auftakt zu einem Film, der wirklich nicht nachlässt.

Operationen als Publikumsshow

Wir treffen das Künstlerpaar Caprice (Léa Seydoux) und Saul Tenser (Viggo Mortensen), die sich auf operative Performances spezialisiert haben. Saul ist einer dieser Menschen, die innerlich mutieren. Bedeutet: Züchtet neue, unbekannte Organe.

Auf der Trage steht eine Frau mit kurzen Haaren, auf ihr ein Mann.  Sie hält eine Art Werkzeug.

Legende:

Das Künstlerpaar will live zeigen, wie Sauls Organe nachwachsen.

VERBRECHEN DER ZUKUNFT © Nikos Nikolopoulos

Sie sind sich ziemlich sicher, dass Sie dieses Wachstum mit Ihrer eigenen Kreativität beeinflussen und lenken können. In ihren Auftritten operiert Caprice dann die körperlichen „Neugeborenen“ ihres Partners vor Publikum in einer umgebauten Autopsiemaschine vom Typ „Sark“.

Inzwischen schläft auch der Künstlerwettbewerb nicht. Dem beliebtesten Rivalen sind am ganzen Körper und auf dem Kopf Dutzende weiterer Ohren gewachsen. Während ihres Auftritts lässt sie sich Mund und Augen zunähen und tanzt ausdrucksstark nach Gehör.

menschliche Verbreitung

Es ist eine seltsame Welt, die Cronenberg hier entwirft. Wenn auch nicht ohne Logik. Die Evolution hat den Menschen nahezu schmerzunempfindlich gemacht, körperliche Veränderungen sind normal. Aber wenn diese nicht gezielt überwacht und kontrolliert würden, wäre es nichts weiter als eine Art kontrollierter Krebs, höhnte Caprice einmal.

ein älterer mann beugt sich über einen tisch, ein anderer sitzt und hält knochen.

Legende:

David Cronenberg selbst nennt den Film „eine Meditation über die menschliche Evolution“.

VERBRECHEN DER ZUKUNFT © Nikos Nikolopoulos

Mutationsfraktionen

Es gibt auch Fraktionen. Es gibt das “Neue Vize” der Polizei, weil es besser klingt als eine kriminelle physiologische Modifikationsabteilung, erklärt der Detektiv.

Es gibt auch das nationale Register unbekannter Organe. Obwohl er nur im Untergrund aktiv ist, nehmen seine Agenten Wippet (Don McKellar) und Timlin (Kristen Stewart) ihre Arbeit ernst.

In seiner heruntergekommenen Einrichtung werden neue Organe auf den Körper tätowiert und anschließend durchsucht. Die meisten von ihnen haben noch keine erkennbare Funktion. Doch das könne sich ändern, sagt Wippet.

Links eine Frau in einem roten Kleid, in der Mitte ein Mann in einem schwarzen Umhang, rechts kniet eine Frau in einem Seidenanzug.

Legende:

Timlin (Kristen Stewart) spürt das Schauspielpaar auf, gespielt von Léa Seydoux und (Viggo Mortensen).

VERBRECHEN DER ZUKUNFT © Nikos Nikolopoulos

Zurück zum Anfang des Films.

David Cronenbergs frühe Filme, die ihn berühmt und berüchtigt machten, handelten mehr von der biologischen Zukunft der Menschheit als die nach Crash von 1996, die sich mehr auf die psychologischen und philosophischen Komponenten der menschlichen Evolution konzentrierten.

„Crash“ war eigentlich das perfekte Scharnier. Denn das waren Menschen, die durch Autounfälle und Narben und Wunden sexuell stimuliert wurden. Die Vereinigung von Metall und Fleisch folgte dem Konzept der Biomechanoiden, die auch der Schweizer Künstler HR Giger in seinen Kreationen zelebrierte.

Cronenbergs Filme der Jahrtausendwende beschäftigten sich mit der psychischen und physischen Fähigkeit des Menschen zu Gewalt und Missbrauch, wie „A History of Violence“ oder „A Dangerous Method“.

gehe zurück zum Anfang

Mit seinem neuen Film, der vor allem auf der Actionebene sehr konsequent ist, hat er nun sozusagen den Kreis geschlossen. In “Crimes of the Future” ist sogar der Titel ein recyceltes Auto: So hieß Cronenbergs zweiter Spielfilm aus dem Jahr 1970.

Ob der Meister mit diesem Film eine neue Evolutionsstufe erreicht hat, darf bezweifelt werden. Grundsätzlich gibt es wenig Neues zu erleben. Sondern die abgerundete Arbeit eines Experten.