Liebeserklärung an das Kino: Der Maschinenraum der Bilder wird zur Traumfabrik

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Samay findet ihre Wiedergeburt in einem heruntergekommenen alten Kino namens Galaxy. Die Öffentlichkeit ist voll dabei. Für den Bollywood-Film über die Göttin Mahakali gibt es Applaus, manche gönnen sich sogar ein spontanes Tänzchen. Doch Samay hat nicht nur Augen für das, was auf dem Bildschirm passiert. Der neunjährige Junge (Bhavin Rabari in seiner ersten Rolle) blickt in den Vorführraum, von wo aus das Licht in den Raum fällt. Dieser Blick zurück ist in “The Light Dreams Are Made Of” entscheidend, denn Samay will fortan nicht nur möglichst viele Filme sehen. Sie möchten verstehen, wie Projektion funktioniert.

Samay und ihre Freunde wachsen in einer ländlichen Gegend im Nirgendwo im indischen Bundesstaat Gujarat auf, eine Zugfahrt von der Schule und dem nächsten Kino entfernt. Sie wollen „das Licht einfangen“, wie sie es nennen. Sie schauen zuerst durch farbiges Glas und beobachten, wie die Sonne Schatten auf die Wände wirft. Dann stehlen sie Filmrollen aus einem Abstellraum am Bahnhof und zeigen mit Köpfchen selbst einen Film. Gut also, dass sich Samay mit dem Galaxy-Demonstrator angefreundet hat. Fazal (Bhavesh Shrimali) führt Sie in das Wunder der Projektion ein.

„The Light That Dreams Are Made Of“ spielt im Jahr 2010. Regisseur Pan Nalin, der auch das Drehbuch geschrieben hat, wagt mit hemmungsloser Nostalgie einen Rückblick auf eine Zeit, als nicht nur das indische Kino an der Schwelle zur Digitalisierung stand. Als noch 35-mm-Film durch eine Maschine schnurrte und ein Lichtkegel einzelne Frames zum Tanzen brachte.

Schlafen Sie neben dem ratternden Projektor ein

Dafür wählt Nalin Bilder mit großer Symbolkraft. Seine Liebe zum Kino kann wörtlich genommen werden, wenn der Junge in einer Szene den Projektor umarmt, nicht die einzige, die an Giuseppe Torantore’s „Cinema Paradiso“ erinnert. Im Allgemeinen webt Nalin eine Reihe von Referenzen in der Geschichte des Kinos. Einmal schläft Samay neben dem leise ratternden Projektor ein, begleitet von „Also Sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, das schon „2001“ von Stanley Kubrick begleitete. Der Maschinenraum des Kinos wird buchstäblich zur Traumfabrik.

Natürlich war die Geschichte von „Das Licht, aus dem Träume gemacht sind“ schon in mehreren Varianten im Kino zu sehen: Ein Junge entdeckt seine Leidenschaft, doch seine Eltern verstehen sie nicht. Pan Nalin erzählt sie in leuchtenden Farben, mit schnellen Schnitten und einem Bollywood-Soundtrack. Wenn Samay mit Sonnenbrille im Vorführraum tanzt, deutet alles auf einen Wohlfühlfilm hin.

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In der Entwicklung des Coming-of-Age-Konflikts bleibt es jedoch überraschend verwirrend. Die Figur des mürrischen Vaters gewinnt kaum Konturen. Seine Erfahrung als Rancher, der von seinen Brüdern betrogen wurde, wird nur kurz erwähnt. Auch Richa Meena in der Rolle der Mutter muss kaum mehr tun, als mit einem leisen Lächeln die schönsten Gerichte zu kochen, die Kameramann Swapnil S. Sonawane in den Instagram-Look verdampft hat.

(In den Berliner Kinos Delphi Lux, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Moviemento)

Spannender wird der Film, als Nalin den gesellschaftlichen Umbruch in Indien thematisiert. Die Bevölkerung sei gespalten zwischen denen, die Englisch sprechen, und denen, die dies nicht tun, erklärt die Lehrerin aus Samay (Alpesh Tank). So sehr der technische Fortschritt das Land vorantreibt, er macht vor den Provinzen nicht halt, genauso wenig wie die neuen Elektrozüge an dem Bahnhof vorbeifahren, an dem Samays Vater jeden Tag seinen Tee verkauft. Die Ankündigung, dass Ihnen die Standgenehmigung entzogen wird, können Sie nicht lesen. Es ist auf Englisch.

Aus diesem Grund erhält Samays Wunsch, einen eigenen Projektor zu bauen, eine besondere Dringlichkeit. Die Szene, in der die Kinder zum ersten Mal anderen Dorfbewohnern einen Film zeigen, begleitet von ihren eigenen Soundeffekten und Dialogen, ist die schönste von Nalins Liebeserklärung an die Kraft des Kinos. Sie fängt nicht nur die spannende Wirkung des kollektiven Betrachtens ein, sondern auch die Bedeutung, die das Zeigen von Filmen haben kann. Vor allem in der Kulturwüste, wo der Zug in die Galaxis nicht mehr hält.