Tod und Abschied bei einem Tanz (nd-aktuell.de)

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Tod und Abschied bei einem Tanz (nd-aktuell.de)

Selten wird der Tod in voller Länge so intensiv gezeigt wie im Film.

Selten wird die Dauer des Todes so intensiv gezeigt wie im Film „Der Tod meiner Mutter“: Elsie de Brauw und Birte Schnöink

Foto: Grand Film

Sie haben den Tod Ihrer Mutter, die todkrank beschlossen hatte, im Pflegeheim mit dem Essen und Trinken aufzuhören, auf besondere fiktive Weise nacherzählt. Einen Moment lang glaubt man sich in einem Dokumentarfilm zu befinden, betont dann aber immer wieder den szenischen Charakter durch die poetische Sprache der Schauspielerinnen und ästhetische Bildkompositionen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich verwende viele Kunstformen, um meinen Film zu erzählen, manchmal umgehe ich die Parameter, die ein klassischer Spielfilm erfordert. Ich schreibe die Geschichte selbst, was mir die Möglichkeit gibt, mit der Sprache zu arbeiten. Auch die Tatsache, dass die meisten Schauspieler aus dem Theater kommen, trägt dazu bei, dass die Sprache hier anders und etwas überspitzt in der Inszenierung verwendet wird.

In einer Sequenz spricht die Tochter direkt in die Kamera und sagt von Anfang an auch den Titel des Films. Sie haben diesen Brechtschen Verfremdungseffekt nicht eingesetzt, weil Sie sich von Ihrer eigenen Geschichte distanzieren mussten, aber war es vor allem eine künstlerische Entscheidung?

Ja, ich war weniger daran interessiert, meine persönliche Geschichte aufzuarbeiten. Ich wollte mit dem Film eine Geschichte erzählen, die im Arbeitsprozess nicht mehr direkt meine ist.

Selten wird die Dauer des Todes so intensiv gezeigt wie in seinem Film; Vermeiden Sie jedoch drastische und aufschlussreiche Bilder, und die Vorbereitungsverfahren werden auch ziemlich angedeutet. Muss die Sterbende auf diese Weise ihre Würde wahren?

Es war überhaupt nicht meine Absicht, das Leben in einem Heim oder die Realität der Pflege darzustellen, ich wollte erzählen – hier kommt wieder das Persönliche ins Spiel – was ich erlebt und gedacht habe, als ich Zeuge des Todes wurde. Die Dauer liegt daran, dass es lange gedauert hat und es sich lang anfühlt, den gesamten Trauerprozess mitzuerleben. Das war mir wichtiger, als zu schauen, wie es im Pflegeheim funktioniert oder leider oft nicht. Obwohl ich denke, dass es generell wichtig ist, dass andere über das wahre System der Krankenpflege und Euthanasie sprechen, war das hier nicht mein Fokus.

Dazu passt, dass das Haus im Film in Zeiten des Pflegenotstandes fast zu schön aussieht. Pflegekräfte haben an diesem Ort oft Empathie und Zeit – sogar zum Tanzen und Klavierspielen –, um Schmerzen auszudrücken.

Tatsächlich hatte meine Familie zumindest mit dem letzten Pflegeheim Glück, und ich wollte das zum Ausdruck bringen, indem ich zeigte, dass Krankenschwestern nicht nur Charaktere sind, sondern eine Rolle zu spielen haben. Ich habe mich mit dem Dolmetscher einer Krankenschwester gestritten, die Tod und Abschied bei einem Tanz inszeniert.

Trotz allem Leid scheint es ein gelungener Abschied zu sein, alles ist gesagt und aufgeklärt. Viele könnten Mutter und Tochter um ihre Nähe und Verbundenheit beneiden, bis sie sich gemeinsam hinreißen lassen. Nicht jeder hat die Möglichkeit, länger als zwei Wochen an der Seite sterbender Angehöriger zu bleiben. Sollen sich alle verabschieden können?

Verdursten und Hungern ist nicht der beste Ausweg aus dem Leben, den man sich wünschen kann. Gleichzeitig hatten wir als Angehörige Zeit, uns zu verabschieden. Ich würde jedoch nicht jedem empfehlen, so zu sterben, es wäre seltsam und gruselig.

In seinem aktuellen Sachbuch-Bestseller »endlich. Apropos trauern“, fordern die Autorinnen Caroline Kraft und Susann Brückner, dass die Politik Angehörigen, auch engen Freunden, die individuell notwendige Trauerzeit (die auch die Sterbebegleitung einschließen könnte) zugesteht, inklusive Auszeiten am Arbeitsplatz..

Da bin ich mal gespannt, ob so etwas umsetzbar ist. Wir hatten das Glück, dabei sein zu können, weil ich selbstständig bin (und unbezahlten Urlaub nehmen konnte) und meine Schwester sich die meiste Zeit frei nehmen konnte. Normalerweise würde das in Form nicht funktionieren, da das Sterben auch etwas länger dauern kann.

Generell fordern die Autoren eine neue Trauerkultur und einen offeneren Umgang mit dem Tod, der in dieser Gesellschaft immer noch tabuisiert ist. Ist Ihr Film ein Beitrag dazu?

Ich denke schon. Gerade jetzt, vor dem Kinostart, erlebe ich, dass sich viele vom Film abwenden, das Thema ist im Moment zu düster, also braucht es etwas Unbeschwerteres. Ich würde es gerne offener sehen. Der Tod wird uns alle betreffen. Es würde uns allen gut tun, wenn der Tod mehr Teil des Lebens wäre und nicht nur das Ende des Lebens, denn er macht uns noch mehr Angst, als er es ohnehin schon tut.

Obwohl ihr Film kein expliziter Beitrag zur Euthanasie-Debatte sein soll, sieht sich die Tochter den Reaktionen ihres Umfelds auf die Entscheidung der Mutter gegenüber, mit dem Essen und Trinken aufzuhören. “Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass man so sterben kann”, sagt ein Freund. Dass die Mutter das Gefühl hat, dass ihr Leben unter Schmerzen nicht mehr lebenswert ist, wird jedoch nicht diskutiert, das ist eine Tatsache, darüber besteht Einigkeit.

Ja, ich entscheide, was ich erzählen möchte. Ich vermeide es generell, in meinen Filmen bestimmte Hintergründe und Hintergrundgeschichten zu erzählen und bin mehr im Moment.

Warum liest die Tochter des Sterbenden den Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel? Hast du das wirklich deiner Mutter vorgelesen?

Ja, ich bin auch überrascht, dass wir uns dafür entschieden haben, weil es wirklich schwierig und langweilig ist. Aber Brecht und Weigel waren zwei Charaktere im Leben meiner Mutter, und ich dachte, das Buch wäre eine gute Lektüre für jeden Sterbebettbesucher.

Einerseits sind es Liebesbriefe, die teilweise recht banal die Sehnsucht nach einem Wiedersehen behandeln, das wiederum zum endgültigen Abschied des Films passt, aber auch ein politisches Statement.

Die Karten zeigen die Mutter, die kaum sprechen kann, sodass die Zuschauer auch das Bedürfnis verspüren, diese Person sterben zu sehen. Ich finde die Texte überhaupt nicht banal, aber die Ausschnitte waren viel länger, bevor sie bearbeitet wurden. Wobei das Wort banal in diesem Zusammenhang durchaus angebracht ist: Wenn man 14 Tage auf dem Sterbebett liegt, geht das Leben weiter, und vieles ist in seiner Banalität aufgeladen.

Während man vorher keinen Soundtrack hat, beendet man den Film überraschenderweise damit. DJ Hölles und »Motherdance« von Jonathan Meese. Wieso den?

Um es ganz klar zu sagen, es war oft auf unserem Plattenteller, während ich am Film arbeitete. Die Idee, den Song zu verwenden, hatte mein Mann, der Künstler und Filmemacher Timo Müller. Ich fand einen Zusammenhang in Meeses Liebe zu ihrer Mutter, auch wenn sie sich viel verherrlichender ausdrückt. Ich mache das immer ohne normalen Soundtrack. Viel lieber würde ich Musikstücke von großen Künstlern erwerben, um meine Geschichte zu erzählen, aber leider ist das finanziell oft nicht möglich.

»Auf den Tod meiner Mutter«: Deutschland 2022. Regie und Drehbuch: Jessica Krummacher. Mit: Birte Schnöink, Elsie de Brauw, Christian Löber, Gina Haller, Nicole Johannhanwer, Thomas Wehling, Susanne Bredehöft; 135 Minuten, Beginn: 9. Juni.