Unvorstellbare Gräueltaten: ZDF-Kriegsreporter berichten aus der Ukraine

Posted on

Seine Berichterstattung aus der Ukraine wird seit Kriegsbeginn im ZDF ausgestrahlt: Katrin Eigendorf, 60, ist eine erfahrene Auslandsreporterin im Dienst des Senders. Auch wenn Sie vielleicht einige seiner Bilder in anderen Formaten im Film „Ukraine zwischen Angst und Mut: Notizen eines Kriegsreporters“ (ab Mittwoch, 11. Mai in der Mediathek oder um 0:45 Uhr im ZDF) gesehen haben – sein surreale Schreckensreise, gestört durch einen grausamen Krieg mitten in Europa, “on the way” auf andere Weise als kurze Nachrichtenblöcke oder Reporterinterviews.

Im Wesentlichen verfolgt der Film den Verlauf des Krieges von seinem Ausbruch am 24. Februar, den Eigendorf in der Provinz westlich von Kiew erlebte, über eine Reise nach Odessa, zurück nach Kiew und in die Vororte, deren Namen wie Bucha heute in jedermann bekannt sind. Besonders verstörend ist die letzte Station des Films: eine journalistisch geführte Tour durch die ukrainische Armee, anders geht es in der Region nicht, führt zu Leichen auf den Straßen, zu Massengräbern und durch von Kugeln durchsiebte Straßen. Szenen wie in einem Katastrophenfilm mit besonders hohem Budget, aber leider Bilder einer grausamen Realität.

Dazwischen gibt es immer wieder Gespräche, die Eigendorf, der viele Jahre in Russland gearbeitet hat, sachlich, aber immer einfühlsam mit Menschen führt. Zunächst erlebt er eine Stadt, die sich durch die Auswirkungen eines wirklich unvorstellbaren russischen Angriffs auf das ganze Land völlig vereint fühlt. Fast wie ein zusammenhängender militärischer Körper. „Jetzt verteidigen wir ganz Europa gegen diesen Putin, gegen die Unterjochung, gegen diese Mörder. Und so schützen wir Sie“, sagt ein Passant mittleren Alters.

Eigendorf zeigt Männer, die nur Opernsänger oder Studenten waren und nun im Umgang mit einem Sturmgewehr ausgebildet werden. Währenddessen weben die Frauen Tarnnetze oder sortieren Lebensmittel und andere Vorräte in den Turnhallen. Andere stehen an Bahnhöfen und essen und trinken in den Zügen reiche Flüchtlinge aus dem Osten des Landes: “Hier, das ist Babynahrung, macht aber auch satt.” – Mit diesen Worten überreicht ein Mann einem Kind im Zug ein Einmachglas. Krieg ist unter anderem eine große Improvisation, gerade im Fall der leidenden Zivilbevölkerung – das zeigt auch Eigendorfs Reise.

Eben noch ein Teilnehmer von “The Voice of…”, jetzt mit Sturmgewehr

Wenig später fährt Eigendorf, verantwortlich für den Film mit Gert Anhalt als Autorenteam, durch flaches Land, das der Ukraine abgerungen wurde. Die Bauern zeigen dem Reporter ihre wenigen von den Panzern zerstörten Häuser, die im Gefecht als Schutzschild dienten oder Opfer eines “Rangierunfalls” wurden. Besonders beunruhigend: Ein Bauer fand auf seinem Grundstück einen toten russischen Soldaten, der vermutlich von seinen Kameraden auf den Kopf geschlagen worden war. Die ortsansässigen Ukrainer haben den Toten beerdigt, doch jetzt zeigt der Bauer ein leeres Grab, weil das Rote Kreuz inzwischen dort war und den Mann wieder exhumiert hat. Eigendorf schreibt: “Was ist das für eine Armee, frage ich mich, die ihre Toten wie den Müll zurücklässt, der nach langer Zeit der Vertreibung übrig geblieben ist.” Es ist verständlich, wenn man angesichts solcher Erfahrungen kritische Gedanken “teilt”.

Später findet sich Eigendorf in Odessa wieder, der wunderschönen Stadt an der Küste des Schwarzen Meeres, die sich auf einen russischen Angriff vorbereitet. Hier erklärt der ZDF-Reporter am Rande, dass es im Krieg auf das Verbergen von Informationen ankommt. Außerdem gibt es eine Pressetour für Journalisten in Odessa. Es können nur bestimmte Straßenzüge gezeigt werden, über die hier errichteten Verteidigungsanlagen möchte man nicht zu viel verraten. Die Straßenschilder waren alle mit Säcken bedeckt. Der Feind sollte hier nicht den Weg finden.

Ein hübscher und lustiger Junge mit libanesischen Wurzeln zeigt dem Reporter auf seinem Handy, wie er selbst, mit einer Stimme gesegnet, an der ukrainischen Version der Talentshow “The Voice of…” teilnimmt. Jetzt mit einem Sturmgewehr in der Hand steht er vor einer Wand aus Sandsäcken und erklärt: „In der Ukraine gab es früher Streit zwischen denen, die sich Russland näher fühlten, und denen, die nach Europa wollten. Das ist vorbei. Heute.“ sie sind alle vereint im Kampf für die Freiheit.”

Ein Krieg widersprüchlicher Bilder

Eigendorfs Bericht endet in einem Vorort von Kiew, kurz nachdem die Russen dort abgezogen sind. Bilder der Verwüstung und Gräueltaten gehen seit einiger Zeit um die Welt. Ein Bericht über ein schickes neues Viertel, das kurz vor dem Krieg gebaut wurde, ist fast surreal. Hier hatten gerade junge Familien ihre begehrten Wohnungen bezogen, andere waren noch nicht ganz fertig, dort steckten noch Bleche von Baustellen. Wenige Wochen später ist der Zustand dieser Mustersiedlung im Kiewer Umland ein anderer. Die Wohnungen wurden von russischen Soldaten, die hier für kurze Zeit „gemietet“ hatten, geplündert und vermüllt. In der Mitte eine junge Frau, die gerade versucht, ihre Wohnung aufzuräumen. Von den Kriegsverbrechen, die hier und in den umliegenden Straßen stattfanden, möchte man nun zu so etwas wie Normalität zurückkehren.

Die letzten Szenen des Intensivbeitrags gehören einer jungen Deutschlehrerin, die – als die Russen eintrafen – von hier fliehen wollte. Zusammen mit ihrem Mann, im fünften Monat schwanger. Auf das Auto wurde geschossen, der Mann war sofort tot, der 32-Jährige wurde schwer verletzt und verlor das Baby. Jetzt lernt sie wieder laufen, man hört sie viel lachen, bei den Therapeuten in ihrem Krankenhaus. Die Frau, obwohl sie das Schlimmste durchgemacht hat, strahlt Lebensfreude und Zuversicht in den Bildern aus. Auch das ist ein Kriegsbild, das wohl nur durch eine Vielzahl oft widersprüchlicher Bilder zu verstehen ist. Einige davon hat Katrin Eigendorf in ihrem sehenswerten Bericht gesammelt.

Jetzt sicher: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!