Zum Tod von Ulrich Weiß: Fünf Filme, ein Leben

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Zum Tod von Ulrich Weiß: Fünf Filme, ein Leben

Das Kind versteht kein einziges Wort, es versteht keines der Rituale, es ekelt sich vor Essen, es versagt in den Spielen seiner Altersgenossen. Der Junge wurde von seinen Eltern gerade George genannt, jetzt nennen sie ihn “blauer Vogel” – unfähig, die Bedeutung der Laute zu verstehen, aus denen sich sein neuer Name zusammensetzt. Der entführte Bauernsohn verbrachte sieben Jahre bei den Irokesen; er wird ein “weißer Indianer”. Als er zu seiner richtigen Familie zurückkehrt, erlebt er dort eine neue Fremdheit. Er bleibt zwischen zwei Welten gefangen.

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DEFA-Stiftung dietram kleist

Robin Jaeger in „Der blaue Vogel“

Mit „Blauvogel“ konnte Ulrich Weiß 1979 einen der schönsten, überraschendsten und zartesten DDR-Filme in die Kinos bringen. Basierend auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Anna Jürgen (Ehefrau des stämmigen Nazi-Ethnologen Werner Müller), der in der DDR populär war, kämmte der Regisseur den Stoff energisch gegen den Strich. Hier gab es keine Stubenraufereien, keine Brüder von edlem Blut. Dauerchef Gojko Mitić trat nicht einmal in einer Nebenrolle auf. Das ging gar nicht! Wie sein Kindheitsheld saß Ulrich Weiß zwischen all den Hockern. Ihm wurde vorgeworfen, mit dem „DEFA-Indianerfilm“ eines der letzten populären Filmgenres zerstört zu haben.

Ulrich Weiß verstieß ständig gegen die Regeln der DDR-Kultur

In den verbleibenden zehn Jahren in der DDR drehte er nur noch zwei Spielfilme. Bei ihnen wiederholten sich ständig Regelverstöße. “Dein unbekannter Bruder” (1982) entkleidete den antifaschistischen Mythos seines obligatorischen Pathos und zeigte dubiose Widerstandskämpfer umgeben von Informanten. „Olle Henry“ (1983) spielt einen ehemaligen Profiboxer, der in allen Belangen scheiterte, im Nachkriegsdeutschland, das sonst in Babelsberg euphorisch gefeiert wurde. Von den Helden des sozialistischen Aufbaus war weit und breit nichts zu sehen.

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DEFA-Stiftung dietram kleist

Ulrich Weiß bei den Dreharbeiten zu „Blauvogel“

DEFA-Chef Hans Dieter Mäde, der Weißs Talent zunächst erkannte und förderte, verbannte seinen einstigen Liebling sozusagen. Das Ministerium für Staatssicherheit leitete Ermittlungen ein, Briefe wurden abgefangen, Sitzungsprotokolle erstellt. Private und professionelle Whistleblower warfen ihm anarchistische Ansichten und „verzerrende Darstellungen“ vor. Ulrich Weiß war ein Mensch und ein Künstler, der immer mit offenem Visier lebte. Der zynischen Maschinerie der Kulturbürokratie ausgeliefert, unterstützte er jedoch seine jüngeren Kollegen.

Nach 1990 konnte er nur noch einen Film drehen. Das Mysterienspiel mit dem unglücklichen Titel Miraculi um einen Straßenbahnfahrer, der Jesus ähnelte, versank 1993 im deutsch-deutschen Kino fast vollständig im Niemandsland. So wie am Ende dieses Films ein See verschwindet, geriet einer der talentiertesten Regisseure der DDR schnell in Vergessenheit. Sein Werk ist heute praktisch unsichtbar, nur “Blauvogel” und “Olle Henry” sind als DVD-Edition erhältlich (schlampig bearbeitet). Ulrich starb am 3. Mai im Alter von 80 Jahren. Mit der Aufführung von „Miraculi“ erinnert das Potsdamer Filmmuseum an sein großes, letztlich uneinholbares Talent.

Ulrich Weißs „Miraculi“ wird am 10. und 23. Juni um 19:15 Uhr im Filmmuseum Potsdam gezeigt.